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Paris in Quarantäne, eine Berichterstattung

Am ersten Tag der Ausgangssperre joggte Nicky – so wie es erlaubt ist – durch das Pariser Viertel Batignolles, in dem sie wohnt. Die Stimmung auf der Straße war anders als erwartet. Nicht angstvoll oder beklemmend, vielmehr ruhig und gefasst.

Paris duftet nach Frühling. Die Autoabgase sind verflogen, und auf den Boulevards riecht es nach den ersten Blüten. Die Ausgangssperre gilt seit ein paar Stunden, doch ich darf nach draußen – für eine ‘activité physique individuelle’ in der Nähe, also eine legale Joggingrunde ums Haus. Das entsprechende Formular steckt zusammengefaltet in meiner Sporthose. Nach dem ersten Tag zu Hause mit Mann und Kindern, alle zusammen auf 80 m2, nutze ich dankbar diesen Freibrief. Frische Luft. Einen klaren Kopf bekommen. Wie geht es weiter?

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L’Apéro Skype

Die meisten Pariser in unserer Umgebung haben sich wieder etwas beruhigt. Nach einem stressigen Montagabend, der uns plötzlich von einem Dilemma ins nächste stürzte (Fliehen wir mit den Kindern aus der Stadt, bevor die Hölle ausbricht? Doch gibt es auf dem Land genügend Krankenhäuser? Und stecken wir da auch niemanden an?), bessert sich die Laune bei den Zurückgebliebenen langsam wieder. Whatsapp läuft heiß mit allen Witzen über gutbestückte Weinkeller und andere Überlebensstrategien. Der erste ‘apéro-Skype’ wurde vereinbart. Eltern, die zu Hause arbeiten, stürzen sich zuversichtlich mit ihren Kindern auf die Riesenmenge an Hausaufgaben. Doch wie lange bleiben die Pariser in ihren kleinen Wohnungen bei guter Laune?

Confinement total

Draußen auf der Straße fällt mir zuerst die weiche und süßliche Frühlingsluft auf. Und dann diese Stille. So anders als normal, ganz ohne Hupen und Lärm, dafür das Zwitschern der Vögel. Ein Paris, das ich so noch niemals erlebt habe. Die Straßen sind leer, aber nicht verlassen. Alle 50 Meter kommt mir jemand entgegen: ein Radfahrer mit Mundschutz, ein Mann mit seinem Hund, Eltern mit Kinderwagen oder Nachwuchs auf dem Roller. Auch diverse ältere Damen, die auf die Empfehlungen pfeifen und ihre Einkäufe in einem Einkaufstrolley hinter sich herziehen. Und ein paar Jogger, so wie ich.

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Ballett auf dem Gehsteig

Niemand lacht dem anderen zu, aber es schaut auch keiner wirklich ernst oder ängstlich drein. Neutrale Gesichter, auf eine französische Art und Weise. Die wenigen Menschen auf der Straße bewegen sich wie in einem seltsamen Ballett fort. Kommt einem jemand entgegen, wechselt man die Straßenseite. Auch die anderen Fußgänger verhalten sich so. Jeder macht – diskret und als ob es die normalste Sache der Welt wäre – einen großen Bogen um den anderen. Manchmal ergeben sich dadurch skurrile Choreografien, aber man bleibt konsequent.

Eine Schutzglocke über Paris

Die Atmosphäre ist ungewohnt, aber nicht beängstigend. Irgendwie friedvoll. Die kleinen Geschäfte – Bäcker, Metzger, der arabische Lebensmittelhändler – sind offen. Drinnen sehe ich ein paar einsame Kunden. Nur beim Bäcker (das Baguette bleibt heilig) warten ein paar Menschen draußen. Vor den meisten Supermärkten gibt es keine Schlange, denn der Großteil hat seine Einkäufe schon am Morgen erledigt, bevor das confinement total um 12.00 Uhr in Kraft trat. Die unglaublich vielen Apotheken in Paris erscheinen einem jetzt als Rettung; an fast jeder Straßenecke blinkt ein beruhigendes grünes Kreuz. Auch dort keine Menschenschlangen.

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Der Müllmann

Hoch nach Montmartre. Rue des Abbesses komplett ohne Touristen. Nur ein Wagen der Müllabfuhr durchkreuzt die leere Kulisse. Ich muss an die Streiks vor ein paar Monaten denken, als sich hier die Müllsäcke übereinander stapelten. Und noch ein paar Monate früher, als sich die Gelbwesten jedes Wochenende au den Champs-Elysées drängten. Was für ein Unterschied: An diesem ersten Quarantäne-Tag herrscht Ruhe und Ordnung. Ein Polizist ist jedoch weit und breit nicht zu sehen, niemand fragt nach meinem Formular. Ich renne und renne – durch einen komplett ruhige Stadt, die mir mehr am Herzen liegt als jemals zuvor.

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Text und Fotos: Nicky Bouwmeester

3 Antworten zu “Paris in Quarantäne, eine Berichterstattung”

  1. Eva sagt:

    wunderschöner Bericht – man sieht: auch die Krise hat positive Aspekte! Bleibt alle gesund und weiter so!

  2. Bruce Miller sagt:

    Sind hotels im Paris geöffnet? Ich habe für den 12.April gebucht aber wegen der Grenzschließung komme ich überhaupt nicht dahin.

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