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Notre-Dame, der Tag nach dem Drama

Heute sind Paris und der Rest der Welt mit einem schrecklichen Kater aufgewacht. Die Flammen zerstörten eine Menge, doch ein paar kleine Wunder gab es auch.

Wir sind heute Morgen schnell zur Kathedrale geradelt, um uns mit eigenen Augen ein Bild machen zu können. Ein klein bisschen konnten wir uns beruhigen: Die Umrisse der Kirche kommen uns noch immer vertraut vor. Die zwei Kirchtürme stehen noch, und auch die Rückseite von Notre-Dame scheint uns größtenteils unversehrt. Doch wo früher das Dach war, klafft heute ein riesengroßes Loch. Und die Stimmung, die in den Straßen herrscht, ist äußerst angespannt.

Notre Dame de Paris heute 16 april 2019

Bilder von heute

Unersetzbares Dach

Einige Leute trösten sich mit dem Gedanken, dass der Spitzturm auf dem Mittelschiff ein Fantasie-Gebilde des Architekten Viollet-le-Duc aus dem 19. Jahrhundert war, der eigentlich nicht auf ein mittelalterliches Gebäude gehörte. Doch das wahre Drama ist das Dach selbst, das von einer massiven Eichenholz-Konstruktion aus dem 12. und 13. Jahrhundert getragen wurde. Es bestand aus so vielen Balken, dass es den Beinamen La Forêt (der Wald) trug. Derart dicke Eichenstämme waren schon im Mittelalter eine Seltenheit, heute gibt es davon schlichtweg nicht mehr genug.

Notre Dame de Paris Spitzturm

Das Apostel-Wunder

Doch es gibt auch Lichtblicke. Die großen Glocken hängen noch, und auch die gigantische Orgel ist intakt geblieben. Alle (losen) Kunstwerke und Reliquien konnten rechtzeitig von den Feuerwehrleuten gerettet werden (sie bildeten dafür gestern Abend eine lange Menschenkette zum Weiterreichen). Auch die in der Mauer verankerten Gemälde konnten größtenteils geschützt werden. Und es gibt auch ein kleines Wunder: Die 16 großen Apostel-Skulpturen auf der Turmspitze wurden zufällig noch letzte Woche für eine Restaurierung entfernt.

Notre Dame de Paris Apostel

Aus der Asche auferstanden

Nicht zum ersten Mal wurde eine berühmte französische Kathedrale in Schutt und Asche gelegt: Im Ersten Weltkrieg erlitt Notre-Dame in Reims ernsthafte Schäden und musste  wiederaufgebaut werden. Die Angestellten von La Fenice, dem bekannten Theater in Venedig, veröffentlichen gestern einen rührenden Facebook-Post: „Auch wir sind schon zwei Mal aus der Asche wieder auferstanden (…) Freunde, wir sind an eurer Seite, habt keine Angst“. Vorsichtigen Schätzungen zufolge soll der Wiederaufbau über 20 Jahre in Anspruch nehmen. Das meistbesuchte Monument von Paris (13 Millionen Besucher jährlich, mehr als der Eiffelturm!), wird in nächster Zeit also eine Kathedrale „en travaux“ sein – so wie auch die Sagrada Familia in Barcelona.

Notre Dame de Paris nach dem Feuer

Spendensammlung

Notre-Dame verkehrte schon vor dem Brand in keinem guten Zustand: Von vielen Skulpturen und Mauerstücken bröckelte der Stein, doch für eine Komplett-Restaurierung stand leider nicht genug Geld zur Verfügung. Ironischerweise fließt nun nach dem verheerenden Brand das Geld in Strömen. Die zwei Milliardärsfamilien Pinault und Arnault spendeten bereits 300 Millionen Euro. Und heute noch beginnt eine große, internationale Spendenaktion. Denn an den emotionalen Reaktionen gestern war deutlich zu erkennen: Dieser Brand traf die ganze Welt mitten ins Herz.

Text: Nicky Bouwmeester Bild: Pierre Suze (Bilder von heute), CC/Pedro Szekely (Spitzturm), CC/Robert Guinee (apostelen), CC/artistiq dude (opening), CC/Anul Rivas (blauer Himmel)

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