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12 Dinge, die an französischen Schulen anders sind

Außer dem völlig anderen Bildungssystem gibt es so einige alltägliche Unterschiede, die deutschen Eltern schulpflichtiger Kinder in Frankreich auffallen. WhatsApp-Elterngruppen, digitale Tafeln oder die bei uns weit verbreitete Ächtung von Süßigkeiten sind zum Beispiel (noch) völlig unbekannt.

1. Die Vorschule beginnt in Frankreich früher als bei uns. Vorschulkinder müssen schon mit 3 Jahren windelfrei sein, wenn sie die freiwillige Ecole maternelle besuchen. Im ersten Schuljahr machen sie noch Mittagsschlaf (la sieste) in einem Schlafsaal in der Schule.***

2. Fast alle französischen Schulen haben eine eigene Kantine, in der die Schüler ein warmes Mittagessen mit vier Gängen bekommen. Dafür nimmt man sich auch ordentlich Zeit, was vielleicht begründet, warum französische Schultage länger dauern (siehe nächsten Punkt).

schule frankreich kantine cc Nicky

3. Die Schultage sind in Frankreich länger: Sie dauern oft bis 16.30 Uhr, mit Hort und Hausaufgabenbetreuung sogar bis 18.00 Uhr. Dafür ist der Mittwoch frei (für die Kleinsten) oder kürzer (für die Größeren), und auch die Ferien sind häufiger und länger.*

4. Große Umgewöhnung für deutsche Kinder (10+), die mit ihren Eltern nach Frankreich ziehen: Die Noten bewegen sich auf einer Skala von 0 bis 20, wobei 20 die beste Note ist (die man fast nie bekommt) und 0 die schlechteste (die gerne mal gnadenlos ausgeteilt wird).

Copie d'examen - noten in frankreich in der Schule

5. In Deutschland durchlaufen die Schüler bis zum Abitur im Prinzip 2 Einrichtungen (Grundschule und weiterführende Schule), während französische Schüler bis zu viermal die Schule wechseln (Ecole maternelle, Ecole primaire, Collège, Lycée).

6. In französischen Grundschulen werden die Lehrer(innen) mittlerweile nicht mehr gesiezt, doch auf den Schulhöfen herrscht nach wie vor Disziplin: Die Schüler müssen sich vor der Tür in einer Reihe aufstellen (en file indienne,in einer „Indianerreihe“) oder dürfen jeweils nur zu zweit (Hand in Hand) hinein.

7. Zum Geburtstag eine Runde Süßigkeiten ausgeben ist in Frankreich absolut OK, pas de problème. Kein fanatischer Wettbewerb unter eifrigen Müttern (wer gibt seinem Kind die kreativsten und gesündesten Snacks mit?) wie bei uns. Französische Kinder feiern ihren Geburtstag in der Schule mit einem fetten Stück Kuchen, einer ordentlichen Tüte Haribo und literweise süßer Brause.
schule cartables taschen cc-Araches-La-Frasse

8. WhatsApp-Gruppen für Eltern sind in Frankreich unüblich, oft gibt es nicht mal Telefonlisten. Und selbst wenn es eine gibt, verläuft der Kontakt zumeist doch direkt über die Lehrerin oder den Lehrer (im persönlichen Gespräch oder über das cahier de correspondance).

9. Ganz allgemein wird von französischen Eltern weniger Beitrag zum Schulleben erwartet. Außer bei Klassenfahrten und zum Abschlussfest vor den Sommerferien (la kermesse) gibt es kaum Gelegenheiten, zu denen sich Eltern aktiv engagieren können oder dürfen. Also keine Vorleseeltern, kein Oster- oder Weihnachtsfrühstück und was wir sonst so an elterlicher Mitwirkung gewohnt sind. Was nicht zuletzt daher rührt, dass in Frankreich oft beide Elternteile in Vollzeit berufstätig sind.**

Franzosische schulefest kermesse

10. Schulfeste und Abendvorstellungen, die erst weit nach 21.00 Uhr enden, sind in Frankreich keine Ausnahme. Französische Kinder gehen später ins Bett, das ist für die Schule ganz normal.

11. Das französische Bildungssystem legt großen Wert auf Kunst und Kultur. Schon ganz junge Kinder lernen ellenlange Gedichte französischer Klassiker auswendig und selbst Kindergartengruppen machen Ausflüge in Museen mit klassischer oder moderner Kunst. Das Ergebnis ist eine beeindruckende Allgemeinbildung: Viele Sechsjährige können in Frankreich spielend ein Gemälde von Monet erkennen. Andererseits ist der Lehrplan auch ziemlich traditionell orientiert. Freies Interpretieren und die Entwicklung eigener Kreativität sind dem Auswendiglernen untergeordnet.

Schule Deutschland und Frankreich

12. Während an deutschen (Grund-) Schulen allmählich die Digitalisierung Einzug hält, kommen in Frankreich Tablets oder Laptops frühestens ab dem Lycée (15 Jahre) im Unterricht zum Einsatz, und auch da eher zögerlich. Deutsche Schüler halten ihre Referate zunehmend mit selbst gestalteten PowerPoint-Präsentationen an digitalen Tafeln; in französischen Klassenzimmern hängen nach wie vor altmodische Kreidetafeln oder höchstens Whiteboards. Ab der Rentrée 2018 gelten noch strengere Regeln in französischen Klassenzimmern: Eines der neuen französischen Gesetze besagt, dass Schüler weder Handy noch Tablet oder Smartwatch ins Schulgebäude mitnehmen dürfen. Erst ab der Oberstufe wird diese Regel gelockert. Also: Schluss mit Smartphone-Spielen auf dem Pausenhof in Frankreich!

schule in frankreich und Deutscchland


* Die französischen Sommerferien dauern volle 2 Monate, und auch zwischendurch gibt es regelmäßig kürzere Ferien (alle 6 Wochen haben französische Schüler zwei Wochen frei). In Frankreich gibt es übrigens keine Strafen für Eltern, die ihre Kinder wegen der Urlaubsplanung schon einen Tag früher aus dem Unterricht nehmen …
** Nur 21 % der französischen Eltern arbeiten halbtags, während die Teilzeitquote bei deutschen Müttern fast 40 % beträgt und auch die Väter inzwischen zaghaft aufholen.
*** Die Maternelle mit 3 Jahren wird erst ab 2019 Pflicht sein und noch nicht im Jahre 2018

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Text: Nicky Bouwmeester (ist Holländerin, verheiratet mit einem Franzosen wohnt in Paris und hat 2 Kindern) Mit Dank an: Carole Gölitz (ist Französin, geheiratet mit einem Deutschen, wohnt in Holland und hat eine Tochter), Ulrike Grafberger (ist Deutsch, wohnt in Holland und hat einen Sohn), Egbert Ausems, Floor de Jager Bilder: Carole Gölitz, CC/Le Bourg Heidi (Zettel), CC/Araches la Frasse (Ranzen), CC/NickyB (Kantine und Schulfest). Opening: Cell Lisboa (Unpl).

Egbert Ausems Gastblogger

8 Antworten zu “12 Dinge, die an französischen Schulen anders sind”

  1. Hans Herth sagt:

    Eine deutsche Schulleiterin die das französische System gut kennt hat mal gesagt : „das französische Peitschsystem“. Ich bin dem deutschen System entrissen worden und kam, 10 Jahre alt, in die französische Grundschulen. Ich empfand es wie eine Strafe. Die darauf folgende Gymnasiumjahre in Frankreich waren nicht lustiger. Ich erlebte das französische Schulsystem wie ein ständiges erniedrigendes Disziplinarverfahren gegen böse und blöde Schüler… Die Franzosen haben für Deutsche nicht viel übrig, aber bewundern deren „Disziplin“… so etwas verrücktes ! Sie sehen in den Deutschen nichts anderes als das ideale Bild ihrer eigenen, sich nie richtig realisierbaren, stets heiss erwünschten Gesellschaft, mit Ordnung, Hierarchie, feste Reihen, Still- und Strammstehen…. und überall Chefs die alles besser wissen. Diese Welt lernen sie in der Schule zu verehren. Kein Wunder dass sie dann alle irgendwann mal zu Rebellen werden.

  2. Caro Lime sagt:

    Hallo,
    danke für diesen Artikel. Ich bin Französin und lebe in Deutschland und dank Eurem schönen Artikel konnte ich meiner 6 J.a Tochter (in August Schulkinder) erklären, wie die Schule in Frankreich ist. Und Euer Artikel hilft mir besser zu verstehen, was ich von der deutschen Schule erwarten kann :))!
    Ein Kommentar von mir: ich habe den Eindruck in Deutschland, die Eltern tun sich weniger unterstützen miteinander: In Frankreich organisiert man sich mit anderen Eltern, um die Kinder abzuholen, sie zu einer Aktivität wie Sport oder Musik zu fahren. Das ermöglicht seinen Job und seine Rolle als Eltern besser zu kombinieren. In Deutschland wo ich wohne sehe ich dieses „entraide“ kaum und ich finde es schade.
    Beim Beitrag zum Schulleben, die Eltern in Frankreich vorbereiten die Kermesse das ganze Jahr um einen grossen & einzigartigen Event am Ende des Jahres anzubieten :)): Ein Mal gross feiern anstatt mehrmals klein das ganze Jahr, es ist einfach eine Geschmacksache!
    viele Grüsse & viel Erfolg Caro Lime

  3. Agatha sagt:

    Hallo! der Artikel muss bald überarbeitet werden (merci Monsieur Macron 😉 )
    1. Die maternelle ist ab nächstem Jahr (2018) Pflicht.
    2. Schulnoten werden abgeschafft. In der maternelle ou der élémentaire schon seit einigen Jahren nun aber auch im Collège (statt dessen gibt est ein Farbsystem).
    3 Was Computer und Tablet angeht: das kommt ganz auf die Schule an (bzw auf den Ort – hat die Stadt Geld oder nicht). Es gibt maternelles wo die 3 Jährigen schon am Tablett rumspielen und Lycées wo es kein 10 funktionsfähige Computer gibt.
    4. Ich bin Grundschullehrerin in Frankreich und habe in verschiedenen Schulen gearbeitet aber NIE habe ich eine Kollegin/kollegen gehabt der gedutz wurde! Die Schüler wenden sich an uns mit „Madame/monsieur“ oder „Maitresse/maitre“, und „vous“.
    LG

    • Carole sagt:

      Liebe agatha

      wir freuen uns sehr über die Reaktionen unserer Leserinnen und Leser. Durch diesen Gedankenaustausch werden unsere Artikel besser und aktueller.

      Ihre Anmerkungen waren sehr hilfreich, und wir haben uns bei unserer Kollegin in Paris und bei unseren Familien in Frankreich noch einmal schlau gemacht. Mit folgenden Ergebnissen:

      * Die Maternelle mit 3 Jahren wird erst ab 2019 Pflicht sein und noch nicht im Jahre 2018. Im Artikel werden wir dann zum gegebenen Zeitpunkt darauf eingehen.
      * Was die Schulnoten betrifft: Es stimmt, dass in der Maternelle und Primaire keine Noten mehr vergeben, sondern Farben oder Buchstaben genutzt werden.
      * Computer und Tablets: Es stimmt, deren Verwendung hängt von Schule/Viertel/Stadt/Region ab. Dennoch haben wir das Gefühl, dass man in Deutschland diesbezüglich fortschrittlicher ist.
      * Was das Duzen/Siezen betrifft, so haben wir andere Erfahrungen gemacht: Die Kinder meiner beiden Schwestern in der Bretagne duzen die Maitresse an der École Maternelle und der École Primaire, ebenso die Kinder unserer Chef-Redakteurin Nicky in Paris.

      Auf jeden Fall möchten wir uns für Ihre Anmerkungen noch einmal bedanken.

      Herzlichen Gruß, Carole

  4. Saskia sagt:

    Super geschrieben, danke! Noch ein kleiner Unterschied: der erste Schultag ist völlig unspektakulär (weil die Kinder ja sowieso schon drei Jahre in der maternelle waren). Es gibt keine Schultüte, keine Einschulungs-Eingewöhnung über mehrere Tage und erst recht kein großes Einschulungs-Familienfest. (Ich bin Deutsche und meine Tochter geht in Frankreich in die Schule…). Auch in der Maternelle gibt es übrigens nur ansatzweise eine Eingewöhnung. Ich durfte damals die ersten zwei Tage noch für 5 Minuten mit in das Klassenzimmer, das war’s. Meine Freundin (deren Kind in Deutschland in die Schule geht) durfte/musste vier Wochen lang immer für ein paar Minuten/Stunden mit in die Kita. 😀

  5. wrangel sagt:

    Also unsere Kinder arbeiten auch schon in der 1. Klasse (CP) mit Computern. Die Schule endet eher um 15:30 (danach ist natürlich noch Betreuung möglich, aber bis 18:30). Zwei weitere deutliche Unterschiede finde ich, dass den Eltern jegliches ‚helikoptern‘ unmöglich gemacht wird. Wir betreten z.B. das Schulgelände normalerweise nicht und ich kann mich noch sehr gut an eine der ersten Rundmails aus der Ecole maternelle erinnern, in der die Eltern gebeten wurden, doch nicht mehr zu fragen, ob ihre Kinder (manche noch nicht 3 Jahre alt) den MIttags gegessen hätten (‚Wir melden uns schon wenn etwas NICHT in Ordnung ist‘). Andrerseits war das ‚windelfrei‘ relativ, es gab schon noch sehr viele Unfälle, die mit einem Achselzucken hingenommen wurden. Interessant finde ich auch, dass die Klassen jedes Jahr neu gemischt werden. Dabei werden auch mal zwei Jahrgänge zusammengelegt. Diese ständig wechselnden Klassenverbände fand ich am Anfang sehr befremdlich, aber inzwischen scheint es mir ein gutes Mittel gegen eingefahrene Mobbingstrukturen, die es zu meiner Schulzeit über Jahre konstant gegeben hat.

  6. 00Schneider sagt:

    Guten Tag,
    Ich mache momentan einen Voltaire-Austausch auf La Réunion und lebe normalerweise in Bremen.Klar es haengt vom Bundesstaat ab,aber im Vergleich zu Bremen ist La Réunion super ausgestattet mit Computern etc.In Bremen haben wir hoechstens 3 whiteboards und das wars (sonst nur Tafel aus dem 15Jahrhundert).

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