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Mit der E-Ente durch Paris

Carole und Nicky machten eine Fahrt mit „4 roues sous 1 parapluie“, einem kleinen Unternehmen, das 2CV-Touren durch Paris anbietet. Zum Fuhrpark gehört schon jetzt eine Ente mit Elektroantrieb, denn bis 2030 sollen alle Benziner und Diesel aus der Stadt verschwinden.

Marguerite rumpelt über das Pflaster der Champs-Elysées. Außer dem Geklapper der Fensterscharniere und dem Quietschen der Federung ist es jedoch verdächtig still, so ganz ohne das nostalgische Zweizylindergetöff. Zwar ist Marguerite nicht mehr die Jüngste, ihr Elektromotor ist nagelneu. Am Steuer sitzt Jean-Baptiste, unser Chauffeur an diesem milden Oktobertag. Jean-Baptiste arbeitet bei 4 roues sous 1 parapluie, einem kleinen Unternehmen, das mit rund 40 klassischen Deux-Chevaux Touristen durch Paris kutschiert. Zwei der Gefährte sind mit modernen, sauberen Antrieben ausgestattet: Gisèle, mit Biogasmotor, und unsere Marguerite, die 100 % elektrisch unterwegs ist.

2CV-Touren durch Paris: Nicky und Jean-Baptiste, unser Chauffeur

Daumen hoch an der Ampel

Der Motor unserer – im doppelten Sinne – grünen Ente mag dann hochmodern sein, Jean-Baptiste trägt ganz altmodisch Schiebermütze und Streifenpulli. Bei 4 roues sous 1 parapluie geht es schließlich um Nostalgie. Der Gründer Florent Dargnies, ein junger Pariser, kam vor 12 Jahren auf diese Idee, als er mit seiner Ente durch die Stadt fuhr. Dabei fiel ihm auf, wie viele Leute ihm an der Ampel begeistert zuwinkten oder sogar den Daumen hoben. „So eine Ente lässt niemanden kalt“, bestätigt auch Jean-Bapiste. „Wenn ich damit irgendwo parke, stehen immer gleich ein paar Leute da, die mir spontan von ihren Ferienerinnerungen als Kind erzählen oder noch genau wissen, welche Deuches sie selber mal hatten.“

Bei 4 roues sous 1 parapluie geht es schließlich um Nostalgie!

Charmanter Chauffeur

Und tatsächlich: Immer wieder werden wir von asiatischen Touristen fotografiert, während wir mit unserer Ente in Richtung Arc de Triomphe gurken. Sanft schunkeln wir hin und her auf der bequemen Rücksitzbank, die einst dafür konzipiert worden war, einen Korb mit rohen Eiern bruchfrei zu transportieren. Während der nächsten anderthalb Stunden erläutert uns Jean-Baptiste in tadellosem Englisch alle Sehens- und Sehensunwürdigkeiten, die wir passieren. Wir hören kein unverständliches Gekrächze vom Band wie aus den Lautsprechern der Bateaux-Mouches, sondern spontane Geschichten mit einer Prise Humor – und dürfen gerne Fragen stellen. Wie sich herausstellt, ist Jean-Baptiste nicht nur Entenchauffeur, sondern auch Romancier und Pianist. Viele seiner Kollegen bei 4 roues sous 1 parapluie haben kreative Zweitberufe: Schauspieler, Künstler, Musiker, Studenten.

Carole und Nicky

Highlights oder unbekanntes Paris

Witzige Anekdoten über Paris kennt Jean-Baptiste zuhauf. Zum Beispiel über die Place de Bitche, die eigens umbenannt werden musste, als sich die US-Botschaft hier niederließ, weil der Name des lothringischen Ortes den Amerikanern zu unfein vorkam. Oder über das tragische Schicksal des exzentrischen Wissenschaftlers, der sich 1912 mit einem leider nicht funktionstüchtigen Fallschirmanzug vom Eiffelturm stürzte. „Der glücklose Wegbereiter des Basejumpings“, witzelt unser Fahrer.

Bekanntes und unbekanntes Paris mit Chauffeur

Besuch bei Serge Gainsbourg

Die Entenrundfahrten gibt es zu verschiedenen Themen: entlang aller Highlights der Stadt oder durch das unbekannte Paris – oder auch eine Mischung aus beiden. Letzteres heißt für uns, dass wir nach einer Runde um den Eiffelturm schon bald durch die Gassen von Saint-Germain-des-Prés fahren. Plötzlich hält Jean-Baptiste vor einer eindrucksvollen Graffitiwand in der Rue de Verneuil an. Wir stehen vor dem Haus des Sängers Serge Gainsbourg, das auch 26 Jahre nach seinem Tod noch eine Pilgerstätte für Fans ist. Das Kunstwerk an der Wand ändert sich ständig. Im Moment ist es ein riesiges Porträt von Serge zusammen mit Jane Birkin (ja, die von Je t’aime moi non plus).

Riesiges Porträt von Serge Gainsbourg zusammen mit Jane Birkin

Fahrspaß ohne Umweltplakette

Bisher ist 4 roues sous 1 parapluie noch von der neuen Umweltplakette für Paris befreit. Bürgermeisterin Hidalgo will jedoch bis 2030 alle Benziner und Diesel aus Paris verbannen. Dem Unternehmen bleibt also im Prinzip bis dahin noch Zeit, seinen gesamten Fuhrpark auf Elektro- oder Biogasantrieb umzustellen. Werden die Fahrgäste das typische Motorengeräusch der Ente denn nicht vermissen? „Na ja, saubere Luft ist ja auch wichtig, und das nostalgische Geräusch lassen wir dann vielleicht aus kleinen Boxen kommen. Wäre irgendwie auch sicherer für die Fußgänger …“, sinniert Jean-Baptiste. Wir jedenfalls fühlen uns, vom fehlenden Geräusch mal abgesehen, in der E-Ente genauso wohl wie in einer „echten“. Einfach herrlich, sich auf der weichen Rücksitzbank durch die Stadt schaukeln zu lassen. Wenn es nach uns ginge, hätte die Fahrt ruhig noch ein Stündchen länger dauern dürfen!

2CV-Rundfahrten von „4 roues sous 1 parapluie“, ab 30,- € pro Person für 45 Minuten und 60,- € pro für 1,5 Stunden (mindestens 2, maximal 3 Passagieren). Auch möglich mit einer E-Mehari oder DS. Die Touren werden auf Französisch, Englisch und Deutsch angeboten. Weitere Infos: www.4roues-sous-1parapluie.com

4 roues sous 1 parapluie

Text: Nicky Bouwmeester; Bilder: Carole Gölitz, Nicky Bouwmeester und 4 roues sous 1 parapluie.

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